Alberto
Alessi
Trop sucré? Gewöhnlich definieren wir bei Alessi einen historischen Zeitraum traditionell jeweils zehn Jahre nur retrospektiv, das heißt nachdem der Zeitraum selbst bereits vergangen bzw.
Geschichte geworden ist.
So bezeichnen wir unsere zurückliegenden Dekaden heute als Endphase des italienischen Bel Design (70er Jahre), als Postmoderne (80er Jahre), als spielerische Phase (90er Jahre) und schließlich dank der kürzlichen Definition von Mendini als eklektischen Moment (die Nuller-Jahre).
Anlässlich dieser Ausstellung haben wir uns an einer spannenden, wenn auch schwierigen Aufgabe versucht: Im Voraus zu bestimmen, welche Richtung das kommende Jahrzehnt einschlagen wird.
Das ist jedoch nicht nur schwierig, sondern aufgrund unserer Vermittlerrolle im Designbereich vielleicht sogar unmöglich.
Lassen Sie mich dies näher erläutern: Ich war immer der Ansicht, dass unser wahres Wesen dem eines industriellen Forschungslabors für angewandte Kunst (dem heutigen Design) entspricht.
Unsere Aufgabe besteht darin, kontinuierlich und unermüdlich zu vermitteln: zwischen den fortschrittlichsten Instanzen der zeitgenössischen, internationalen Kreativität im Produktdesign einerseits und den Erwartungen des Publikums andererseits.
Unsere ihrem Ursprung nach so typisch italienische Arbeit wird von der Tatsache bestimmt, dass wir uns mit einer der so-genannten „kommerziellen Künste“ von heute befassen.
Meines Wissens nach war es der Philosoph Gianni Vattimo, der den Ausdruck „kommerzielle Kunst“ zum ersten Mal verwendete, und zwar als Bezeichnung für jene Form der künstlerischen und schöpferischen Tätigkeit (wie Mode, Film, Rockmusik), deren Existenzberechtigung in der Akzeptanz des Publikums liegt anders als bei der so genannten Hochkunst.
Ohne die Zustimmung eines größeren Publikums nicht beschränkt auf einen kleinen Kreis von Liebhabern, wie es bei den schönen Künsten vorkommt kann es Design nicht geben.
Das hat wahrscheinlich viel mit der Bedeutung des Produktionselements für unsere Art von Unternehmen zu tun, egal wie groß oder klein.
„Most Advanced Yet Acceptable“, empfahl Raymond Loewy seinen Schülern und prägte damit die MAYA-Taktik.
„So fortschrittlich wie möglich und dennoch akzeptabel“ arbeiten auch wir in unserem Forschungslabor: Wir spüren neue Talente auf, die in der Lage sind, die Produktwelt, die uns in den kommenden Jahren umgeben wird, ein ums andere Mal neu zu entwerfen.
Darüber hinaus–, das gebe ich gern zu, fördern wir neue Produkte, die nicht nur auf dem Prinzip ihres kommerziellen Erfolgs beruhen, sondern auch eine künstlerische und poetische Gültigkeit haben und über das aktuelle Stadium der Konsumgesellschaft hinaus in ihrer Immanenz auch ein Körnchen Transzendenz verkörpern.
Wir können sicherlich Einfluss auf das Publikum nehmen und es zu einer gestalterischen Qualität anleiten, die wir für richtig und dem historischen Zeitpunkt angemessen halten.
Doch das letzte Wort wird immer das Publikum selbst haben.
Wir wünschen uns, dass unsere Produkte zum Universalen tendieren, dass aus ihnen neue Mythen entstehen, die uns helfen, unsere Epoche zu dekodieren.
Doch wir wissen auch, dass wir uns an einer unsichtbaren Grenze entlang bewegen, die das Mögliche vom Unmöglichen trennt das, was das Publikum bereit ist, zu verstehen, zu akzeptieren oder sogar zu lieben, von dem, was es nicht verstehen oder schätzen kann.
So sieht die Wirklichkeit eines italienischen Designunternehmens aus.
Um mich im komplexen Panorama des zeitgenössischen Designs zu orientieren, hatte ich mir bisher die Dichotomie des Soziologen Michel Maffesoli für meinen persönlichen Gebrauch zurechtgelegt.
Maffesoli teilt die Strömungen der heutigen Gesellschaft in zwei Verhaltensmuster ein: „paranoisches“ und „metanoisches“ Verhalten.
Ersteres entspricht dem normativen Ansatz unserer Lehrer und Eltern, die uns stets vorschreiben, wie wir uns benehmen sollen und was richtig und was falsch ist. Metanoisches Verhalten hingegen zeigt jemand, der der Gesellschaft und den Menschen zugeneigt ist und ihnen gibt, was sie wollen oder was sie zu brauchen scheinen, ohne ihnen seine eigenen Dogmen aufzuerlegen.
Ein löbliches Beispiel für paranoisches Verhalten sind jene Herausgeber, die darauf bestehen, die Werke ihrer Lieblingsautoren zu veröffentlichen, und sei es in Kleinstauflagen von vielleicht tausend Exemplaren. Ein vortreffliches Beispiel für metanoisches Verhalten geben die kommerziellen Fernsehsender von heute ab, die den Zuschauern auf der Basis von Publikumsanteilen und Einschaltquoten beklagenswerte Programme vorsetzen. Im Designbereich kann Enzo Mari als paranoisch gelten, der sein Projekt nicht mehr als gut empfindet, wenn es sich verkauft. Metanoisch hingegen ist Giovannoni, wenn er sagt, ihn interessiere nur das, was sich gut verkauft.
Zwischen diesen beiden scheinbaren (weil auf dialektische Art verwendeten) Gegensätzen bewegt sich also unsere Tätigkeit als künstlerischer Vermittler in der Designwelt.
Vor kurzem haben mir die Brüder Bouroullec eine neue Dichotomie nahe gebracht, die so aktuell wie ansprechend ist: trop sucré kontra pas trop sucré, d.h. die „Menge an Zucker“ (die Suche nach Expressivität, nach Epiphanisierung), die Projekten beigefügt wird.
Diese vielversprechende Art der Abgrenzung mache ich mir zu eigen. Sie wird mir im vor uns liegenden Jahrzehnt als Leitfaden dienen.
Versuchen Sie doch, die zwölf neuen Projekte, die wir in diesem Buch präsentieren und die unsere „Neuen Instanzen“ für dieses Jahrzehnt verkörpern, ebenso einzuteilen sozusagen als Vorausschau auf die folgenden Kataloge, die diese Projekte genauer vorstellen.